Spielräume

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ Diesen Ort zu besuchen, dazu möchte ich einladen. Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Spielräume für sein Handeln hat. Dschalal ad-Din al-Rumis Feststellung, dass es jenseits von richtig und falsch Räume gibt, empfinde ich als Ermunterung und Ermutigung, offen dafür zu sein, dass mehr möglich ist, als ich zuerst meine oder andere mir vormachen. Manchmal muss ich meinen Blickwinkel oder Standort nur ein wenig verändern, um mehr und anderes zu erkennen: auf einmal sich eröffnende, unerwartete Spielräume. Es gibt oft Seitenpfade, Zwischenräume und Nischen, die ich leicht übersehe, jedoch bei genaueren Studieren entdecke.

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„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ Diesen Ort zu besuchen,
möchte ich Euch heute einladen. Ich bin überzeugt, dass jede und jeder Spielräume hat,
dorthin zu kommen. Dschalal ad-Din al-Rumis Feststellung, dass es jenseits von richtig
und falsch Räume gibt, empfinde ich als Ermunterung und Ermutigung, offen dafür zu
sein, dass mehr möglich ist, als ich zuerst meine oder andere mir vormachen. Manchmal
muss ich meinen Blickwinkel oder Standort nur ein wenig verändern, um mehr und
anderes zu erkennen: auf einmal sich eröffnende, unerwartete Spielräume. Es gibt oft
Seitenpfade, Zwischenräume und Nischen, die ich leicht übersehe, jedoch bei genaueren
Studieren entdecke. Morgenstern erzählt in seinen Gedicht „Der Lattenzaun“:
„Es war einmal ein Lattenzaun,
Mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
Stand eines Abends plötzlich da –
Und nahm den Zwischenraum heraus
Und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
Mit Latten ohne was herum.“
Wie der Architekt den Zwischenraum neu nutzte und füllte, können wir auch mit einer Idee
eine Situation vollkommen in eine andere Richtung verändern. Dazu gibt es verschiedene
Möglichkeiten. Die bekannteste ist der sogenannte „Ermessensspielraum“, um nach den
Umständen des Einzelfalles zu einer sachgerechten Entscheidung zu gelangen. Nach
Ermessen zu entscheiden reagiert auf den Umstand, dass jeder Einzelfall anders ist und
sich deshalb einer generellen Beurteilung entzieht. Ist die allgemeine Richtlinie zwar
„Recht“ und insofern richtig, wirkt sie manchmal jedoch falsch, wenn man individuelle
Kriterien hinzuzieht. Dann ermöglicht der „Spielraum“ jenseits von richtig und falsch einen
Ausweg aus dem Dilemma. Wird im öffentlichen Recht meist sogar vorher festgelegt,
wann solch ein „Ermessensspielraum“ gewährt wird, ist das im Alltag nicht so. Trotzdem
oder gerade deswegen gibt es diese Spielräume öfter als wir denken. Wie kann ich sie
jedoch erkennen?
Als erstes ist es wichtig, sich nicht von der scheinbaren Eindeutigkeit einer Situation
blockieren zu lassen, wie es oft in Krisensituation geschieht. Weil es so aussichtslos wirkt,
werde ich handlungsunfähig und verharre blockiert in Tatenlosigkeit. Stattdessen
versuche ich handlungsfähig zu bleiben. Gibt es wirklich keine Alternative? Habe ich
schon einmal etwas ähnliches erlebt? Gab es damals eine Lösung? Könnte ich diesmal
etwas anderes versuchen? Könnte mir irgendjemand helfen? Was müsste er oder sie tun?
Was wäre, wenn sich ein Detail verändert? usw.
Als zweites kann ich versuchen, in der Krise etwas Gutes zu entdecken. Kann ich, was
geschieht, für etwas anderes nutzen. Ich denke an die Geschichte, dass jemand von
Steinen der Weg versperrt war, bis er sie wegräumte und später zum Bau einer Brücke
nutzte. In vielen Krisen steckt auch eine Chance, wenn ich den Spielraum meines
Denkens und Handelns erweitere.
Wichtig ist jedoch meine eigene Haltung, verharre ich mit negativer Sicht in Resignation
oder versuche ich positiv zu denken und durch eigenes Handeln aus der Lage etwas zu
machen. Es ist meist etwas möglich. Zumindest sollte ich es versuchen, bis endgültig
keine Möglichkeit mehr besteht, weil alle Spielräume ausgelotet sind.
Ich schließe deshalb mit der Geschichte von dem Frosch, der in einem Krug mit fetter
Milch gefangen war. So sehr er auch strampelte, konnte er nicht herausklettern. Trotzdem
hörte er mit dem Schwimmen und Strampeln nicht auf. Schließlich hatte er damit einen
Teil der Milch zu Butter geschlagen und konnte von dem gefestigten Boden aus aus dem
Krug springen. Er war gerettet, weil er nicht aufgegeben hatte, seinen Spielraum erweitert
hatte.
Insofern hat Oscar Wilde recht: „Im heutigen Leben bedeutet Spielraum alles.“ Und nicht
erst seit heute. Aber nur, wenn ich ihn entdecke und nutze. Also: Entdeckt ihn! Nutzt ihn!

Autor: Dirk Voos
Titelimpression: Ulrich Püschmann

Berührung auf Abstand

Durch die Abstandsregeln zur Vorsorge gegen eine Covid-19-Infektion wird jede und jeder gehalten, enge Berührungen zu vermeiden. Alles, was ich anfasse, kann Erreger übertragen und zu Ansteckung und Krankheit führen. Deshalb muss ich vorsichtig sein – abwägen, was fasse ich an. Deshalb möchte ich heute fragen. Wovon lass ich mich berühren? Wie halte ich Kontakt? Geht Berührung auf Abstand?

Genau wie ich berühre, werde ich aber auch berührt. Verstehe ich Berührungen nicht nur als eigenes aktives Handeln, dass ich berühre, sondern auch als passives Geschehen, dass mir geschieht, bemerke ich, dass ich darüber gar nicht die volle Kontrolle habe. Ich kann es nicht völlig selbst bestimmen, sondern muss es zulassen. Offen sein für Berührungen wie für das Lächeln einer Fremden oder dem Zauber eines Augenblicks.

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Durch die Abstandsregeln zur Vorsorge gegen eine Covid-19- Infektion wird jede und jeder
gehalten, enge Berührungen zu vermeiden. Alles, was ich anfasse, kann Erreger
übertragen und zu Ansteckung und Krankheit führen. Deshalb muss ich vorsichtig sein –
abwägen, was fasse ich an. Deshalb möchte ich heute fragen. Wovon lass ich mich
berühren? Wie halte ich Kontakt? Geht Berührung auf Abstand?
Über Berührung spüre ich Verbindung und Nähe. Psychologische Studien stellen fest, wie
lebenswichtig berühren ist. Adäquater Körperkontakt, anfassen, fühlen, tasten, berühren
ist Voraussetzung für ein gesundes persönliches Leben und für den Zusammenhalt in der
sozialen Gemeinschaft. Menschen müssen Nähe spüren, um sich sicher und geborgen zu
fühlen
Wenn man wie in der augenblicklichen Zeit auf Abstand achten muss, ist das schwieriger.
Ich spüre deshalb große Sehnsucht nach der vorher möglichen Nähe. Jedoch kann die
angestrebte Nähe entstehen, auch wenn man einander weniger körperlich berührt. In
Bonn sehe ich zur Zeit Plakate von #IchDuWirNRW, auf denen die Verwaltungsangestellte
Samira aufmunternd lächelnd wirbt: „Ein Lächeln wirkt auch auf Distanz.“ Diese
Feststellung hat mich tief berührt. Ich bemerkte: Stimmt, lächelt mich jemand ehrlich
wohlwollend an, fühle ich mich gut. Es tut mir in meinem Inneren, in meiner Seele gut.
Auch wenn der Augenblick flüchtig ist, weil der Kontakt und die Nähe nur kurz währt. Mehr
Nähe möchte und brauche ich meist auch gar nicht, empfände ich oft sogar als
aufdringlich. Berührung ist genauso auf Abstand möglich und gut.
Das Beispiel weist mich darüber hinaus darauf hin, dass Berührungen nur solange
angenehm sind, wie das rechte Verhältnis von Nähe und Abstand gewahrt bleibt. Um
jemand zu berühren, ohne ihn zu belästigen oder sogar zu verletzen, brauche ich sein
Einverständnis. Die notwendige Einsicht in den Schutz der Intimsphäre jedes Menschen
muss sensibel machen, mit Rücksicht, Vorsicht und Respekt andere zu berühren. Es ist
wichtig, sich langsam zu nähern, wie die beiden schwarzen und weißen Finger auf dem
obigen Bild. Nur wenn ich allmählich und vorsichtig entdecke und begreife, wie der /die
Andere ist und was er /sie möchte, um so die Verbindung zu stärken, respektiere ich die
Privatsphäre und Wünsche Anderer. Durch vorsichtiges Nähern kann ich die Grenzen
des / der Anderen spüren und erkennen, dass ich sie nicht vorsätzlich verletze. Wer mit
jemanden ausprobiert, die Finger gegenseitig zu nähern, wird spüren, wie er / sie mit
zunehmender Nähe die Präsenz oder Aura des anderen spürt. Ohne direkte körperliche
Berührung gibt es eine Verbindung. Es rührt sich etwas zwischen den Fingern. Ab einer
gewissen Nähe gibt es einen Kontakt. Das gleiche geschieht auch, wenn jemand mich
hinter meinem Rücken länger anstarrt. Viele Menschen spüren dann ein Kribbeln im
Nacken. Und das Gefühl kann angenehm oder nicht sein. Wenn irgendwer oder irgendwas
mich berührt, egal ob innerlich oder / und äußerlich spüre ich das emotional-körperlich. Ich
kann innerlich so berührt sein, dass ich es schmerzlich spüre oder mich euphorisch
glücklich fühle. Darauf sensibel zu achten ist wichtig. Vielleicht kann uns die Coronakrise
dafür aufmerksamer machen und weitere Möglichkeiten des Kontakts lehren.
Doch es gibt nicht nur körperliche Berührungen, sondern ich kann auch geistig berührt
werden, wie ich z.B. durch das Werbeplakat zum Lächeln. Auch Musik kann mich innerlich
berühren oder das Lesen eines Briefes oder Buches. Oder die Erinnerung an einen
schönen Moment oder die Sehnsucht nach … So kann ich durch inneres Wahrnehmen in
Berührung mit dem kommen, was die Welt im Inneren zusammenhält und zwar
insbesondere in meinem eigenen Inneren. Ich begreife: Das / der / die ist / sind für mich
wichtig.
Genau wie ich berühre, werde ich selbst berührt. Verstehe ich Berührungen nicht nur als
eigenes aktives Handeln, dass ich berühre, sondern auch als passives Geschehen, dass
mir geschieht, bemerke ich, dass ich darüber gar nicht die volle Kontrolle habe. Ich kann
es nicht völlig selbst bestimmen, sondern muss es zulassen. Offen sein für Berührungen
wie für das Lächeln einer Fremden oder dem Zauber eines Augenblicks. In meinem
Inneren kann ich dann den äußere Abstand so weit aufheben wie ich möchte. Ich habe die
Wahl: So lasst Euch berühren – durch die Überraschungen des Augenblicks.

Autor: Dirk Voos
Titelimpression: Ulrich Püschmann

Online-Auszeit

Einladung zur nächsten gemeinsamen Online-Auszeit am 9. März:

Der Alltag scheint mir augenblicklich voller “Dissonanzen”. Vieles ist nicht wie sonst, vieles geht nicht, aber es gibt auch Neues zu entdecken. Der Alltag ist anstrengend und erschöpfend, weil vieles nicht zusammen passt. Diese Dissonanzen brauchen eine Auflösung, damit es wieder harmonisch wird. Um diese “Dissonanzen” soll es in der nächsten Auszeit gehen. Dazu lade ich wieder online per zoom, für Dienstag, den 9. März 2021 von 13.30 – 14.15 Uhr ein. 

Über das Programm “zoom” kann sich  jede und jeder mit dem folgenden Link in die Videokonferenz einwählen:
  
Thema: Auszeit am 9. März: Dissonanzen
Uhrzeit: 9.März.2021 01:30 PM Paris
Zoom-Meeting beitreten

https://zoom.us/j/98276449516?pwd=bWRlSkpDY0dPcW4zUGtTQzFxVHY4QT09

Meeting-ID: 982 7644 9516
Kenncode: 829439